01.04.2015 11:03:47
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INTERVIEW/Weltstahlpräsident: Konsolidierung in der Branche unmöglich
Von Jenny Busche
FRANKFURT (Dow Jones)--Der Präsident des Weltstahlverbands widerspricht dem Chef des größten deutschen Stahlkonzerns: Zusammenschlüsse und Übernahmen in der europäischen Stahlbranche seien weder möglich noch nötig, sagte Wolfgang Eder im Interview mit Dow Jones Newswires. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hingegen rechnet damit, dass es in einigen Jahren zu Fusionen kommen wird.
Eder sieht das anders: "Wir haben heute mehr Autohersteller in Europa als Stahlhersteller - und in der Autobranche redet niemand von einer Konsolidierungsnotwendigkeit", sagte der Weltstahlpräsident, der auch Chef des österreichischen Stahl- und Technologiekonzerns voestalpine ist. Zudem seien Fusionen rechtlich schwierig: Seit Mitte der 1990er Jahre habe sich die Zahl der Stahlunternehmen in der EU von 26 auf sieben verringert. "Was soll sich zwischen denen noch tun? Das ist kartellrechtlich sehr kritisch", sagte Eder.
Der Stahlbranche in Europa machen große Überkapazitäten zu schaffen, die auf die Preise drücken. ThyssenKrupp-Chef Hiesinger hatte deshalb gesagt, es werde vermutlich "die Notwendigkeit geben, dass sich Unternehmen zusammentun".
Eder dagegen fordert, dass die Stahlhersteller unrentable Werke schließen. "Über diese Dinge darf man in Europa aber nicht reden - das ist sehr befremdlich", sagte Eder. In anderen Branchen seien Werksschließungen wesentlich leichter durchzusetzen. "Warum das im Stahl nicht geht, weiß ich nicht."
Der Manager warnt davor, dass die Stahlproduktion in den kommenden Jahrzehnten drastisch sinken wird. "In 20 Jahren werden wir in Europa anstelle der heute 160 bis 170 Millionen Tonnen nur noch eine Produktion von 60 bis 70 Millionen Tonnen haben", sagte Eder. Grund dafür sei vor allem die Konkurrenz durch billige Stahlimporte. "Wir sollten uns nichts vormachen: Die Ukraine, Russland oder die Türkei produzieren heute Stahl-Commodities zu Kosten, die bis zu 30 Prozent unter denen in der Europäischen Union liegen", sagte Eder. "Wir werden auf Dauer dem Druck nicht standhalten können."
Um zu überleben, sollten sich die Stahlhersteller nach Meinung von Eder auf innovative und hochwertige Produkte konzentrieren. "Wir müssen uns durch Know-how, durch Technologie, durch Innovation differenzieren", sagte er. Bei vielen Unternehmen sei immer noch das Denken in Millionen Tonnen vorherrschend. Entscheidend ist nach Eders Einschätzung aber die Profitabilität.
Voestalpine hat schon früh auf Spezialprodukte wie Hochgeschwindigkeitsweichen oder Flugzeugkomponenten gesetzt. Heute erzielt der Konzern nur noch 30 Prozent seines Umsatzes in der Stahlsparte und ist profitabler als viele Konkurrenten.
Das Unternehmen konzentriert sich zunehmend auf das Wachstum außerhalb Europas. In diesem Jahr sollen dorthin rund ein Viertel der Investitionen fließen, der Schwerpunkt liegt dabei auf Nordamerika. Eder begründete dies vor allem mit den hohen Energiekosten in Europa. Der Voestalpine-Chef sieht weitere Belastungen durch steigende CO2-Kosten auf die Stahlhersteller in Europa zukommen. Sein Konzern werde ab 2018 voraussichtlich jährliche CO2-Kosten von etwa 100 Millionen Euro haben. "Längerfristig - also nach 2020 - geht es um eine Zusatzbelastung von 300 Millionen Euro. Das ist mehr, als wir mit unseren Stahlaktivitäten derzeit operativ verdienen", sagte Eder. "Da stellt sich natürlich die Frage: Sollen wir eine Operation, mit der wir dauerhaft kein Geld verdienen, aufrecht erhalten?"
Das Stahlgeschäft verliert für Voestalpine vor diesem Hintergrund weiter an Bedeutung. "Wir werden sicher im Stahl in keine Erweiterung investieren", sagte Eder.
Kontakt zum Autor: jenny.busche@wsj.com
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April 01, 2015 04:32 ET (08:32 GMT)
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