09.04.2026 08:56:00

Gegen den Trend: Spanien feiert ein kleines Wachstumswunder

Donald Trumps US-Zollpolitik, mit Energiekrisen verbundene Kriege im Iran und der Ukraine: Europas Wirtschaft steht unter Druck. Die großen Volkswirtschaften schwächeln besonders. Doch ausgerechnet Spanien entwickelt sich in jüngster Zeit zu einem der dynamischsten Länder der Eurozone.

Mit Wachstumsraten von 2,8 Prozent lag das Land 2025 deutlich über dem EU-Durchschnitt. Auch in diesem Jahr wird Spanien laut Schätzungen ein fast doppelt so hohes Wachstum verzeichnen können wie der Durchschnitt der Eurozone. Am Montag dann die neuste Erfolgsmeldung aus Madrid: Mit über 22 Millionen Beschäftigten feiert Spanien einen neuen Arbeitsmarktrekord. Die Arbeitslosenquote sank mit 9,9 Prozent auf den niedrigsten Wert seit 18 Jahren.

"Ihr seid das Team, das Spanien baut, anschiebt, nach vorne bringt. Eine Mannschaft, die Geschichte macht", schrieb Regierungschef Pedro S�nchez euphorisch auf X und zeigte sich im neuen Fußball-WM-Trikot der spanischen Nationalmannschaft mit der Nummer 22 darauf. Der wirtschaftliche Erfolg des Landes ist auch an den Aktienmärkten abzulesen: 2025 war der spanische Aktienindex Ibex der erfolgreichste in Europa, verzeichnete ein Plus von fast 50 Prozent.

Starke Zuwanderung spielt eine wichtige Rolle

Aber wie kann es sein, dass ausgerechnet das ehemalige Krisenland Spanien gerade in diesen schwierigen Zeiten ein "kleines Wachstumswunder" feiert? Dafür gibt es vor allem drei Gründe, versichert der spanische Ökonom Emilio S�nchez Hidalgo im Gespräch mit der APA: "Eine große Rolle spielt vor allem die Migration. Seit 2021 sind 1,2 Millionen Ausländer ins Land gekommen, die maßgeblich dazu beitragen, den Arbeitsmarkt zu stärken". Dabei gelingt es Spanien, woran viele andere EU-Länder scheitern: Neuankömmlinge schnell und unbürokratisch einzugliedern. Der Grund: Spanien hat den Vorteil, dass die große Mehrheit der Einwanderer aus Latein- und Südamerika kommt und somit sprachlich und kulturell leicht integriert werden können.

Das animierte die sozialistische Zentralregierung von Pedro S�nchez Anfang des Jahres sogar dazu, einen außerordentlichen Legalisierungsprozess zu starten, mit dem zwischen April und Juni rund eine halbe Million Einwanderer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erhalten werden. "Das erhöht nicht nur die Steuereinnahmen, sondern kurbelt auch den Inlandskonsum an." Im vergangenen Jahr besetzten die Zuwanderer in Spanien 43 Prozent aller neu geschaffenen Stellen. Die lateinamerikanischen Einwanderer füllen vor allem die Lücken in den für Spanien wichtigen Sektoren der Bauwirtschaft und des Tourismus.

Tourismus als wichtiges Standbein

Der Tourismus und der damit verbundene Dienstleistungssektor sind in Spanien mit rund 13 Prozent des Bruttoinlandproduktes das wirtschaftliche Standbein schlechthin. Spanien gehört weltweit zu den beliebtesten Reisezielen überhaupt und 2026 dürften laut Schätzung von 100 Millionen Touristen ein neuer Besucherrekord erreicht werden. Einer der Gründe dafür sind die zahlreichen internationalen Konflikte, die Spanien als sicheres Urlaubsland auch für den Inlandstourismus noch beliebter machen, erklärte Spaniens Tourismusminister Jordi Hereu Ende März.

Gleichzeitig ist Spanien deutlich geringer von Exporten in die USA und Donald Trumps Zollpolitik abhängig als Deutschland, Frankreich oder Italien. Spanien ist nicht in den besonders von den US-Zöllen betroffenen Schlüsselindustrien wie der Automobil- oder Maschinenbaubranche tätig. Spaniens Dienstleistungsexporte wachsen, was laut der spanischen Großbank BBVA für einen Überschuss in der Handelsbilanz sorgt.

Von Energiekrisen weniger betroffen

Selbst von den aktuellen Energiekrisen ist das Land weniger betroffen. Energetisch war Spanien mit Portugal schon immer eine von Europa durch die Pyrenäen isolierte Insel und bezieht seine Energie aus Nordafrika, speziell aus Marokko und Algerien und nicht aus Russland oder der Ukraine. Zudem hat das Mittelmeerland einen weiteren großen Standortvorteil mit viel Sonne, Wind und großen freien Flächen. So kann Spanien auch große internationale Unternehmen und Investoren mit den niedrigsten Strompreisen in Europa locken. Vor kurzem kündigten auch Amazon und Microsoft an, Milliarden Euro in den Bau von Rechenzentren in Spanien zu investieren.

Natürlich macht die Regierung auch ihre eigene Wirtschaftspolitik für das "Wachstumswunder" verantwortlich. Tatsächlich haben die jüngsten Arbeitsmarktreformen der Linksregierung dazu geführt, die extrem hohe Quote befristeter Zeitverträge zu reduzieren, die prekäre Beschäftigung und die weit verbreiteten Scheinselbstständigkeiten zu bekämpfen. Durch die Erhöhung des Mindestlohns wurde die Kaufkraft erhöht. Seit 2018 stieg unter S�nchez der gesetzliche Mindestlohn (SMI) um 66 Prozent auf heute 1.221 Euro im Monat bei 14 Monatszahlungen im Jahr.

"Nicht alles Gold, was glänzt"

"Es ist aber längst nicht alles Gold, was glänzt", gibt Wirtschaftsexperte Emilio S�nchez Hidalgo zu bedenken. "Vor allem kämpft Spanien weiterhin mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, die mit rund 24 Prozent fast doppelt so hoch ist wie der EU-Durchschnitt." Die Produktivität spanischer Unternehmen sei sei hoch.

Weiterhin wird die Kaufkraft der Spanier durch hohe Mieten und einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum vermindert. Zwar gehen die meisten Wirtschaftsinstitute davon aus, dass Spanien auch in diesem und dem kommenden Jahr stärker als der EU-Schnitt wachsen wird. Dennoch dürfte sich der Aufwärtstrend abschwächen. Zumal in diesem Jahr die Gelder aus dem EU-Wiederaufbaufonds auslaufen. Trotzdem: Noch kommt Spanien heuer anscheinend etwas leichter durch die internationale Krise als andere EU-Partner.

mme/ivn

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