20.08.2026 09:01:38

OTS: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) / "Ein Hitzetag kostet ...

"Ein Hitzetag kostet Deutschland 431 Millionen Euro" / Interview mit

Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen

Unfallversicherung (DGUV) (FOTO)

Berlin (ots) - Hitze senkt die Leistungsfähigkeit, erhöht das Unfallrisiko und

kostet die deutsche Wirtschaft Milliarden. Gleichzeitig verändern

Vegetationsbrände, Starkregen und neue gesundheitliche Belastungen die

Arbeitswelt. Die Folgen des Klimawandels sind deshalb auch ein Thema für die

gesetzliche Unfallversicherung. Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der

Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), sieht Prävention als

Wirtschaftsfaktor.

Herr Fasshauer, ein einziger Hitzetag mit mehr als 30 Grad kostet die deutsche

Wirtschaft nach aktuellen Berechnungen rund 431 Millionen Euro. Überrascht Sie

diese Zahl?

Fasshauer: Die Größenordnung, die Prognos im Auftrag des

Bundesarbeitsministeriums ermittelt hat, ist bemerkenswert, überrascht uns aber

nicht. Hitze senkt Produktivität, Konzentration und Reaktionsfähigkeit, das

Unfallrisiko steigt. Die Folgen des Klimawandels sind längst auch eine

wirtschaftliche Frage.

Nun sind Sie Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

und nicht Chef eines Wirtschaftsforschungsinstituts. Warum ist das Ihr Thema?

Fasshauer: Weil unser Auftrag nicht erst beginnt, wenn ein Arbeitsunfall

passiert ist. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist Prävention. Wenn sich

Risiken in der Arbeits- und Bildungswelt verändern, müssen wir uns damit

beschäftigen: Hitze, Starkregen und Hochwasser, Vegetationsbrände, Allergene

oder neue Infektionsrisiken. Das wird sehr konkret - für den Dachdecker bei weit

über 39 Grad, den Erzieher in einer aufgeheizten Kita, die Pflegekraft oder das

Mitglied der freiwilligen Feuerwehr bei einem Waldbrand-Einsatz.

Trotzdem: Die gesetzliche Unfallversicherung ist keine Klimaschutzorganisation.

Fasshauer: Nein. Wir machen keine Klimapolitik. Wir sehen uns an, wo sich durch

den Klimawandel Risiken für Sicherheit und Gesundheit verändern - und was wir

präventiv dagegen tun können. Das ist unser gesetzlicher Auftrag.

Aber Hitze gab es auf Baustellen auch vor 30 Jahren. Was ist daran neu?

Fasshauer: Häufigkeit und Intensität. Die Zahl der heißen Tage mit mindestens 30

Grad hat sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren etwa verdreifacht. Und wir

sehen den Effekt in unseren eigenen Daten: Ab 30 Grad gibt es etwa acht Prozent

mehr Arbeitsunfälle als bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad. Bei

Wegeunfällen im Straßenverkehr sind es sogar rund 17 Prozent mehr. Für jemanden

auf einem Gerüst, an einer Maschine oder hinter dem Steuer kann nachlassende

Konzentration schwerwiegende Folgen haben.

Wird der Klimawandel zum Standortproblem?

Fasshauer: Das ist er schon. Allein 2023 gingen in Deutschland schätzungsweise

37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Prävention hilft, Ausfälle zu

vermeiden, Leistungsfähigkeit zu sichern und Menschen gesund zu halten. Gerade

wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, brauchen Unternehmen und Beschäftigte

verlässliche Strukturen. Die gesetzliche Unfallversicherung kann sie dabei

unterstützen, die Risiken früh zu erkennen und praktikable Antworten zu

entwickeln.

Sind die Unternehmen darauf vorbereitet?

Fasshauer: Viele sind weiter, als man vielleicht vermutet. Unsere Befragungen

zeigen, dass klimabedingte Risiken in vielen Betrieben längst wahrgenommen

werden und Maßnahmen laufen. Natürlich hat ein Industriekonzern andere

Möglichkeiten als ein Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Deshalb brauchen

wir branchengerechte Lösungen. Berufsgenossenschaften und Unfallkassen kennen

die Betriebe sehr genau. Und in unserer Selbstverwaltung gestalten Arbeitgeber

und Versicherte gemeinsam. Präventionsmaßnahmen durchlaufen damit gewissermaßen

schon vorab einen Praxistest: Sind sie wirksam, praktikabel und akzeptabel?

Was heißt das konkret? Klimaanlagen für alle?

Fasshauer: Nein. Manchmal helfen schon Verschattung, Nachtauskühlung, eine

Verlagerung schwerer Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten oder Cooldown-Phasen.

Wir brauchen keine Parallelwelt des "Klima-Arbeitsschutzes". Die Instrumente

sind da. Entscheidend ist, dass die Lösungen zur Tätigkeit passen und handhabbar

bleiben. Unser Credo lautet: so viel Regulierung wie nötig, aber so wenig wie

möglich.

Eine besonders exponierte Gruppe sind Feuerwehrleute. 2025 brannten in

Deutschland 2.626 Hektar Wald - mehr als dreimal so viel wie im langjährigen

Durchschnitt. Was bedeutet das für Sie?

Fasshauer: Vegetationsbrände zeigen, wie Risiken zusammenkommen. Gerade

Einsatzkräfte leisten schwere körperliche Arbeit bei großer Hitze und unter

Schutzkleidung, das können wir dieser Tage bei den großen Bränden wie in der

Eifel alle live verfolgen. Dabei sind sie auch Brandrauch und krebserzeugenden

Stoffen ausgesetzt. Deshalb untersucht unser Institut für Prävention und

Arbeitsmedizin, welchen Gefahrstoffen die Einsatzkräfte ausgesetzt sind und wie

hoch ihre körperliche Belastung ist. Unser Institut für Arbeitsschutz ergänzt

diese Forschung unter anderem durch Luftmessungen. Daraus können konkrete

Schutzmaßnahmen entstehen. Die Feuerwehr-Unfallkassen sorgen als Partner der

Feuerwehren nicht nur für den Versicherungsschutz, sondern tragen auch dafür

Sorge, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in wirksame Prävention für die

Einsatzkräfte übersetzt werden.

Hitze dominiert derzeit die Debatte. Welche Risiken geraten dabei aus dem Blick?

Fasshauer: Zum Beispiel Allergien und Infektionskrankheiten. Längere

Vegetationsperioden verändern den Pollenflug, auch Zecken und Mücken und die von

ihnen übertragenen Erkrankungen spielen eine Rolle. Hinzu kommen Starkregen und

Hochwasser mit Risiken durch kontaminierten Schlamm, biologische Arbeitsstoffe,

Gefahrstoffe oder Strom. Und Hitze wirkt auch psychisch: Sie kann Schlaf und

Konzentration beeinträchtigen und die Reizbarkeit erhöhen. Klimawandelfolgen

sind eben nicht ein einzelnes neues Risiko, sondern verändern ein ganzes

Spektrum von Belastungen.

Andere Weltregionen leben längst mit extremeren klimatischen Bedingungen.

Fasshauer: Gerade deshalb können wir international viel lernen. Wir arbeiten

seit Jahrzehnten mit Arbeitsschutz- und Sozialversicherungsinstitutionen

weltweit zusammen, unter anderem in Asien und Afrika. Uns interessiert: Wie

organisieren andere Arbeit bei extremer Hitze? Welche technischen oder

organisatorischen Lösungen bewähren sich? Internationale Zusammenarbeit ist für

uns keine Einbahnstraße. Regionen, die mit solchen Bedingungen länger umgehen,

verfügen über Erfahrungen, die auch für uns wertvoll sind.

Ist Deutschland ausreichend klimafest?

Fasshauer: Wir haben leistungsfähige Strukturen und viel Wissen. Die

Herausforderung ist, dieses Wissen schneller in die Fläche zu bringen. Schon

2022 sahen in unserer Beschäftigtenbefragung 62 Prozent Handlungsbedarf bei

Hitze in Innenräumen, knapp die Hälfte bei Arbeit im Freien und mehr als 40

Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter. Das Thema ist angekommen.

Jetzt müssen aus Erkenntnissen Routinen werden.

Braucht es dafür mehr Regeln und Gesetze?

Fasshauer: Nicht jede neue Herausforderung braucht automatisch ein neues

Regularium. 30 Grad im Büro sind etwas anderes als 30 Grad bei schwerer

körperlicher Arbeit auf einem Dach. Wir müssen das bestehende Schutzniveau unter

veränderten Bedingungen sichern - zielgenau und ohne unnötige zusätzliche

Belastungen für die Betriebe und Einrichtungen.

Was wäre für Sie in fünf Jahren ein Erfolg?

Fasshauer: Dass klimabedingte Risiken selbstverständlich mitgedacht werden, wo

sie relevant sind: in der Kita, im Handwerksbetrieb, bei der Feuerwehr oder in

einer Kommune, die sich auf Starkregen vorbereitet. Die gesetzliche

Unfallversicherung ist seit mehr als 140 Jahren erfolgreich, weil sie sich an

eine veränderte Arbeitswelt anpassen kann. Das müssen wir auch jetzt tun:

Risiken früh erkennen, wissenschaftlich untersuchen und Lösungen entwickeln, die

in der Praxis funktionieren. Damit schützen wir Menschen - und tragen dazu bei,

dass Wirtschaft und Gesellschaft leistungs- und handlungsfähig bleiben.

Sie möchten mit Dr. Stephan Fasshauer zum Thema sprechen? Die DGUV-Pressestelle

vermittelt Interviewanfragen und steht für weitere Auskünfte zur Verfügung:

E-Mail mailto:presse@dguv.de

Telefon 030-1300 114 14

Pressekontakt:

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. (DGUV)

Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften

und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand

Glinkastraße 40, 10117 Berlin

Pressesprecher Stefan Boltz

Tel.: +49 30 13001-1414

E-Mail: mailto:presse@dguv.de

https://www.dguv.de

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OTS: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)

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