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Wachstum auf Pump? 09.08.2026 10:14:00

Amazon, SpaceX und Lucid: Warum der Cashflow zum Börsenfaktor wird

Amazon, SpaceX und Lucid: Warum der Cashflow zum Börsenfaktor wird

  • Amazons freier Cashflow ist erstmals seit 2023 ins Minus gerutscht
  • SpaceX und Lucid legten ihre Zahlen am Dienstag nach Börsenschluss vor
  • Bei allen drei Werten fragt der Markt zuerst nach der Kasse

Amazon musste am vergangenen Donnerstag einräumen, dass sein freier Cashflow erstmals seit 2023 ins Minus gedreht ist. Am Dienstag traten SpaceX und die Lucid Group nach Börsenschluss mit ihren eigenen Zahlen vor die Anleger. Bei allen drei Werten dreht sich die Debatte um dieselbe Kennzahl: Wie viel Kasse bleibt übrig, wenn Rechenzentren, Raketenentwicklung oder Fabrikkapazität finanziert sind? Die Antwort entscheidet, ob milliardenschwere Wachstumsversprechen tragfähig sind oder nur auf Kredit laufen.

Amazons Cashflow dreht ins Minus

Amazon meldete zuletzt für das zweite Quartal einen Umsatz von 200,6 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 20 Prozent gegenüber den 167,7 Milliarden US-Dollar im Vorjahresquartal. Die Cloud-Sparte AWS wuchs um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden US-Dollar, das schnellste Tempo seit 2021. Wegen gestiegener Preise für Arbeitsspeicher-Chips hob der Konzern die Investitionsplanung für das laufende Jahr von 200 auf 220 Milliarden US-Dollar an. Das drückte auf die Kasse: Der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate rutschte auf einen Abfluss von 7,6 Milliarden US-Dollar, nach einem Zufluss von 18,2 Milliarden US-Dollar ein Jahr zuvor, während der operative Cashflow im selben Zeitraum um 33 Prozent auf 161,4 Milliarden US-Dollar stieg.

SpaceX-Aktie mit erster Bilanz im Blick

Bei SpaceX wiegt die Frage schwerer, weil die Aktie erst seit Kurzem börsennotiert ist. Der Börsengang am 11. Juni brachte 85,7 Milliarden US-Dollar ein und war damit der größte in der Geschichte. Der Ausgabepreis der SpaceX-Aktie hatte bei 135 US-Dollar gelegen, bis zum 16. Juni kletterte der Kurs auf 225,64 US-Dollar. Danach begann die Talfahrt: Kursdaten zufolge markierte die Aktie seit Börsengang kürzlich bei 104,83 US-Dollar ein Rekordtief.

Getragen wird das Geschäft vom profitablen Starlink-Segment, das laut Börsenprospekt 2025 rund 11,4 Milliarden US-Dollar Umsatz und 4,4 Milliarden US-Dollar operatives Ergebnis beisteuerte. Die Raumfahrtsparte um Starship verzeichnete im selben Jahr einen operativen Verlust von 657 Millionen US-Dollar bei 3 Milliarden US-Dollar Entwicklungskosten, während die KI-Sparte um xAI und X einen operativen Verlust von 6,4 Milliarden US-Dollar auswies und allein im ersten Quartal 2026 mit 7,7 Milliarden US-Dollar investierte.

Die am Dienstag nach Börsenschluss veröffentlichten Zahlen zum zweiten Quartal 2026 bestätigten das Muster: Der Umsatz stieg um 92 Prozent auf 7,81 Milliarden US-Dollar, der Nettoverlust verringerte sich auf 541 Millionen US-Dollar von rund 1,0 Milliarden US-Dollar ein Jahr zuvor, und das bereinigte EBITDA legte um 191 Prozent auf 3,5 Milliarden US-Dollar zu. Auf der Kassenseite stand dem operativen Cashflow von 3,5 Milliarden US-Dollar für die ersten sechs Monate 2026 ein Investitionsvolumen von 28,5 Milliarden US-Dollar gegenüber, größtenteils angetrieben von 23,6 Milliarden US-Dollar Kapitalausgaben der KI-Sparte. Daraus ergibt sich für das erste Halbjahr ein freier Cashflow von rund minus 25 Milliarden US-Dollar. Zum Quartalsende verfügte SpaceX über Barmittel, Zahlungsmitteläquivalente und marktgängige Wertpapiere von 100 Milliarden US-Dollar sowie einen Auftragsbestand von 47,5 Milliarden US-Dollar.

HSBC bewertet die Aktie seit dem 24. Juli mit Halten und einem Kursziel von 115 US-Dollar, weil die Bank einen positiven freien Cashflow erst für 2030 erwartet und bis dahin kumuliert rund 106 Milliarden US-Dollar an Kasse für nötig hält, wie The Street berichtet. Morgan Stanley hält dagegen an der Einstufung Übergewichten und einem Kursziel von 300 US-Dollar fest und setzt auf das langfristige KI-Geschäft, so TradingKey.

Lucid-Aktie: Cashflow schmilzt schneller als der Absatz wächst

Bei der Lucid Group geht es um eine andere Version desselben Problems: Wachstum, das schneller Kasse verbrennt, als es Umsatz bringt. Anfang Juli meldete der Elektroautobauer für das zweite Quartal 3.953 ausgelieferte Fahrzeuge, rund 14 Prozent weniger als von Analysten erwartet, bei einer Produktion von 4.774 Einheiten. Die Auslieferungsquote stieg damit auf knapp 83 Prozent von 56 Prozent im ersten Quartal. Im ersten Quartal hatte Lucid einen freien Cashflow von minus 1,44 Milliarden US-Dollar und einen Nettoverlust von 1,13 Milliarden US-Dollar ausgewiesen.

Anfang Juli zapfte das Unternehmen deshalb 800 Millionen US-Dollar aus einer Kreditlinie der Ayar Third Investment Company an, einer Tochter des saudischen Staatsfonds PIF, umgerechnet gut die Hälfte des Cash-Abflusses eines Quartals. Mitte Juli kursierten zudem Insolvenzgerüchte, die Lucid als falsch zurückwies und stattdessen ausreichende Liquidität bis weit in das kommende Jahr betonte.

Die am Dienstag vorgelegten Zahlen zum zweiten Quartal zeigen, dass sich das Bild kaum gebessert hat: Der Umsatz stieg zwar um 56 Prozent auf 405 Millionen US-Dollar, doch der Nettoverlust weitete sich auf 1,035 Milliarden US-Dollar aus, nach 539 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal. Der freie Cashflow lag bei minus 1,48 Milliarden US-Dollar, zusammengesetzt aus einem operativen Cash-Abfluss von 1,22 Milliarden US-Dollar und Investitionsausgaben von 254 Millionen US-Dollar. Für das erste Halbjahr summiert sich der freie Cashflow damit auf rund minus 2,91 Milliarden US-Dollar. Die Gesamtliquidität bezifferte Lucid zum Quartalsende auf 3,0 Milliarden US-Dollar. Parallel kündigte das Unternehmen einen "operativen Reset" an, der 2026 rund 1,4 Milliarden US-Dollar an Cashflow-Verbesserungen bei Betriebskosten, Investitionen und Working Capital bringen soll.

Warum der freie Cashflow zum gemeinsamen Prüfstein wird

Der gemeinsame Nenner der drei Werte ist eine veränderte Marktlogik: Wachstum allein reicht Anlegern nicht mehr, seit milliardenschwere Investitionen in Rechenzentren, Raketen und Fabrikkapazität die Substanz aufzehren, bevor sie Erträge liefern. Amazon kann diese Last aus einem soliden operativen Geschäft heraus abfedern, SpaceX und Lucid sind dagegen auf frisches Fremd- oder Eigenkapital angewiesen, um dieselbe Lücke zu schließen. Die Zahlen von SpaceX und Lucid zeigen, ob beide Unternehmen diesen Kapitalbedarf schon eingrenzen konnten oder ob die Schere zwischen Wachstum und Kasse weiter aufgeht.

Anleger dürften deshalb weniger auf die Umsatzzahlen selbst als auf konkrete Aussagen zum Kapitalbedarf der kommenden Quartale abklopfen, bei SpaceX zusätzlich auf jedes Signal zur Auslastung von Starship und den geplanten Rechenzentren im Orbit.

Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.at

Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar.

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Bildquelle: Thrive Studios ID / Shutterstock.com

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