04.05.2021 20:29:38
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Aus dem Gleichgewicht, Kommentar zur Chipindustrie von Stefan Kroneck
Frankfurt (ots) - Jeder Studierende im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
lernt, dass Märkte sich in einem Gleichgewicht befinden, wenn Nachfrage und
Angebot deckungsgleich sind. Daraus leitete sich dann ein "Gleichgewichtspreis"
ab. Ausgehend von diesem Idealbild aus dem Elfenbeinturm befindet sich der
globale Halbleitermarkt derzeit in einem Ungleichgewicht, überspitzt formuliert
ist er aus den Fugen geraten. Lieferengpässe bei mikroelektronischen
Bauelementen sorgen dafür, dass der Aufschwung in einer Reihe von
Industriezweigen nach dem Corona-Schock 2020 an Dynamik verliert,
schlimmstenfalls sogar spürbar abgebremst wird.
Als Schlüssel des Problems macht der Vorstandschef von Infineon die
Chip-Auftragsfertiger aus, auch Foundries genannt. Zur Vorlage des
Quartalsberichts des größten deutschen Halbleiterherstellers räumte Reinhard
Ploss ein, dass aufgrund überausgelasteter Kapazitäten in dieser
Produktionskette die "Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt". Der CEO
befürchtet wie Wettbewerber, dass die Knappheit im kommenden Jahr anhält.
Der Auslöser der kritischen Versorgungslage war zwar die Pandemie, die Ursache
liegt aber tiefer. Corona deckt strukturelle Schwachstellen in den globalen
Lieferketten auf. In der Praxis erweist sich das Just-in-time-System nur als
kostengünstig, wenn es einwandfrei funktioniert. Wird jedoch die Lieferkette für
einen längeren Zeitraum überstrapaziert, treibt das die Kosten in die Höhe. In
Bezug auf die Lage der Foundries steigen die Preise für die Einkäufer, was deren
Margen drückt, wie Infineon einräumt.
Das radikale Abbremsen der Wirtschaft nach dem Ausbruch der Pandemie erweist
sich für manche Firmen jetzt als überzogene Reaktion. In der Hektik versuchen
nun Chip-Branchenprimus Intel und TSMC, der größte Foundry der Welt, das Ruder
herumzureißen. Beide Konzerne wollen mit Investitionen in insgesamt
dreistelliger Milliardenhöhe ihre Kapazitäten deutlich erweitern, während
Infineon dank einer austarierten Kalkulation nur schrittweise in die Erweiterung
ihrer Produktion investiert, um die hohe Nachfrage bedienen zu können.
Die Erfahrung lehrt aber, dass umfangreiche Kapazitätserweiterungen im
schnelllebigen Chipgeschäft den Anbietern schaden können, wenn dadurch der für
die Branche typische Schweinezyklus verstärkt wird. Ein selbst ausgelöstes
Überangebot sorgt dafür, dass die Preise fallen. Für die Hersteller wird es dann
teuer, den Markt wieder ins Lot - oder ins Gleichgewicht - zu bringen.
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