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20.03.2026 11:19:40
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MARKT-AUSBLICK/Fast alles hängt am Ölpreis
Von Steffen Gosenheimer
DOW JONES--Die europäische Finanzlandschaft wird auch in der kommenden Woche durch eine Phase hoher Unsicherheit navigieren müssen. Drei Wochen nach dem militärischen Angriff der USA und Israels auf den Iran beherrscht vor allem die Frage die Märkte, wie sich der Krieg weiter auf Ölpreise, Inflation und Geldpolitik auswirkt und vor allem, wie lange sich der Konflikt hinziehen könnte.
Der DAX ist seit Ausbruch des Krieges um rund 9 Prozent gefallen, von rund 25.300 auf knapp 23.000 Punkte. Zuletzt schien dabei aber - wie bei anderen Aktienindizes auch - die Dynamik nach unten trotz aller erhöhten Volatilität etwas nachzulassen. Ein bekanntes Muster bei Krisen dieser Art ist zwar, dass relativ schnell eine gewisse Resilienz an den Finanzmärkten spürbar wird, mithin der Krieg für die Marktteilnehmer an Brisanz und Bedeutung verliert. Ob das aber auch diesmal so sein wird, bleibt abzuwarten und dürfte sehr stark davon abhängen, wie es mit den Energiepreisen weitergeht. Das wiederum wird davon entschieden, ob es gelingt, die Welt auf alternativen Routen wieder mit Öl und Gas aus dem Nahen Osten zu versorgen oder die faktisch vom Iran blockierte Straße von Hormus zumindest wieder etwas durchlässiger zu machen.
Marktteilnehmer vergleichen die aktuelle Lage vorsichtig mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022: steigende Energiepreise, Druck auf Unternehmen und Haushalte sowie die Aussicht auf eine restriktivere Zinspolitik seitens der Europäischen Zentralbank (EZB), aber nicht nur dieser.
Siebenmal wurden die Leitzinsen in der zuende gehenden Woche zwar unverändert gelassen, unisono wurde von den Notenbanken aber auf hohe Unsicherheiten verwiesen und die Notwendigkeit, zu reagieren, je nachdem wie es mit den Energiepreisen weitergeht, die nicht ohne Wirkung auf die Inflation bleiben werden. Die zentrale Frage ist: Werden die Zentralbanken bei anhaltendem Inflationsdruck den Leitzins weiter erhöhen, oder könnten Rezessionsängste eine zurückhaltende Haltung erzwingen? Im Handel ist von einem "falkenhaften Abwarten" die Rede.
Zuletzt deuteten diesbezüglich die Marktbewegungen auf eine gewisse Uneinigkeit hin, wie die Analysten der Commerzbank feststellen. Die Renditen von Staatsanleihen seien gestiegen, ein Hinweis auf anhaltende Inflationssorgen. Im Rohstoff-Sektor hingegen zeigten sinkende Industriemetallpreise, dass Rezessionsängste ebenfalls eine Rolle spielten. Diese gemischte Signalwirkung dürfte die Volatilität an den Aktien- und Devisenmärkten hoch halten.
Die Märkte werden daher besonders auf weitere Signale seitens der Notenbanken warten. Gleich mehrere hochrangige Vertreter - darunter EZB-Präsidentin Christine Lagarde, Chefvolkswirt Philip Lane, Vizepräsident De Guindos und Direktorin Isabel Schnabel - werden sich im Verlauf der Woche zu Inflation und zum Ausblick der Kreditvergabe äußern.
Am Mittwoch wird das Ifo-Institut seine neuesten Zahlen zum Geschäftsklima in Deutschland veröffentlichen. Ökonomen erwarten, dass der Index im März deutlich gefallen ist - nach 88,6 Punkten im Februar könnte er auf ein neues Jahrestief sinken. Besonders die Geschäftserwartungen dürften stark unter den hohen Energiepreisen und der geopolitischen Unsicherheit gelitten haben. Die Lagebeurteilung der Unternehmen könnte ebenfalls rückläufig sein, wenngleich die Werte hier etwas stabiler ausfallen könnten. Für Anleger bedeutet dies, dass das Umfeld für Unternehmensgewinne und Investitionsentscheidungen kurzfristig belastet bleibt, was die Volatilität an den Aktienmärkten erhöhen dürfte.
Bereits am Dienstag werden die europäischen Einkaufsmanagerindizes (PMI) veröffentlicht. Hier könnte sich zeigen, ob die Unsicherheit über den Iran-Krieg bereits in realen Auftragseingängen und Produktionsplänen ablesbar ist. Während schwächere Auftragseingänge die Indizes belasten könnten, könnten öffentliche Investitionsprogramme und längere Lieferzeiten die Ergebnisse stützen. Analysten rechnen daher nur mit leichten Rückgängen, wobei der Industrie-PMI in Deutschland von staatlichen Investitionen profitieren könnte. Auch in den USA stehen am Dienstag PMIs für die Industrie und den Dienstleistungssektor auf dem Programm.
Am Donnerstag veröffentlicht die OECD eine aktualisierte Version ihres Wirtschaftsausblicks, die voraussichtlich verschiedene Szenarien für den Fortgang der Energiekrise enthalten dürfte. Zeitgleich informiert die EZB über die Entwicklung der Kreditvergabe im Euroraum im Februar. Beide Veröffentlichungen könnten Aufschluss darüber geben, wie belastbar die europäischen Unternehmen in einem Umfeld steigender Energiekosten und geopolitischer Spannungen bleiben.
Unternehmensseitig ist die reine Quartalsberichtssaison größtenteils abgeschlossen. Auf dem Kalender stehen zwar eine Reihe von Geschäftsberichten, die in der Regel aber lediglich schon vorliegende Daten nur komplettieren bzw. abrunden. Angesichts der jüngsten Entwicklung ist aber nicht auszuschließen, dass hier und da auch aktualisierte Aussagen zu den Geschäftsperspektiven mitgeliefert werden.
Aktien von Energie- und Versorgungsunternehmen dürften in nächster Zeit tendenziell gestützt werden von den erhöhten Öl- und Gaspreisen. Allerdings sind hier Risiken durch regulatorische Eingriffe zu beachten, etwa bei Preisanpassungen für Verbraucher.
Aktien stark exportabhängiger Unternehmen dürften es angesichts der Unsicherheit über Lieferketten und steigende Energiepreise schwer haben. Bei Aktien aus dem Finanzsektor stützen einerseits höhere Zinsen die Margen, beispielsweise im Kreditgeschäft der Banken, andererseits bremsen hier Rezessionsängste besonders. Hohe Kreditmargen nutzen wenig, wenn weniger Kredite nachgefragt werden. Konsumgüter- und Einzelhandelsaktien könnten eher gemieden werden, weil steigende Energiepreise und Inflation die Konsumlaune der Verbraucher belasten.
Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com
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March 20, 2026 06:20 ET (10:20 GMT)