| Straße von Hormus im Fokus |
12.05.2026 13:07:00
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Ölmarkt vor Dauer-Schock? Aramco sieht Krise bis 2027
• Die Blockade der Straße von Hormus bringt Tankerströme, Lagerbestände und Lieferketten massiv durcheinander
• Für Anleger rücken Ölkonzerne, Tankerwerte und energieintensive Branchen noch stärker in den Fokus
Die Hiobsbotschaften im Hinblick auf die Ölpreise nehmen kein Ende. Erst gestern warnte die US-Investmentbank Morgan Stanley vor Brent-Preisen von bis zu 150 US-Dollar je Barrel, sofern der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus weiter eingeschränkt bleibt. Jetzt gibt Aramco-CEO Amin Nasser eine noch düsterere Prognose ab: Der Ölmarkt könnte sich bei einer anhaltenden Störung erst im Jahr 2027 wieder normalisieren.
Saudi Aramco-Chef warnt vor langer Ölkrise
Wie CNBC berichtet, sieht Nasser die Lage am Ölmarkt inzwischen deutlich angespannter als noch vor wenigen Wochen. Sollte die Straße von Hormus sofort wieder geöffnet werden, würde es trotzdem Monate dauern, bis sich der Markt neu sortiert. Sollte sich die Öffnung jedoch um weitere Wochen verzögern, könnte sich die Normalisierung dem Aramco-Chef zufolge bis ins Jahr 2027 ziehen.
Denn es geht inzwischen nicht mehr nur um fehlende Ölmengen, sondern um ein logistisches Problem von globaler Tragweite. Laut CNBC erklärte Nasser in einer Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen, dass mehr als 600 Schiffe, überwiegend Öl- und Produkttanker, derzeit im Persischen Golf feststecken. Rund 240 Schiffe warten demnach außerhalb der Straße von Hormus. Viele Tanker befinden sich inzwischen nicht mehr dort, wo sie für eine reibungslose Versorgung gebraucht würden.
Damit verschiebt sich der Fokus am Ölmarkt. Nicht allein die Frage, wie viel Rohöl theoretisch verfügbar ist, entscheidet über die Preise, sondern ob Tanker, Raffinerien, Exportrouten und Lagerbestände schnell genug wieder in eine funktionierende Ordnung gebracht werden können.
Straße von Hormus wird zum Nadelöhr der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus gilt seit jeher als einer der empfindlichsten Punkte des globalen Energiesystems. Vor dem Krieg wurden rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung durch die Meerenge transportiert. Inzwischen passieren CNBC zufolge nur noch zwei bis fünf Schiffe pro Tag die Route, während es vor dem Krieg rund 70 Schiffe gewesen seien.
Für den Ölmarkt ist das ein massiver Bruch. Nasser bezifferte den Angebotsverlust laut CNBC auf 100 Millionen Barrel pro Woche, solange die Straße geschlossen bleibt. Insgesamt seien dem Markt bereits mehr als eine Milliarde Barrel entzogen worden. Netto liege der Verlust bei rund 880 Millionen Barrel, weil Saudi-Arabien über die Ost-West-Pipeline zusätzliche Mengen umleite und Regierungen strategische Reserven freigegeben hätten.
Diese Zahlen zeigen, warum der Markt trotz bereits hoher Ölpreise nervös bleibt. Der eigentliche Schock könnte erst zeitverzögert sichtbar werden, wenn Lagerbestände weiter sinken und zugleich die Sommerreisezeit die Nachfrage nach Benzin und Kerosin erhöht. Nasser warnte laut CNBC insbesondere bei Produkten wie Benzin und Flugkraftstoff vor kritisch niedrigen Beständen.
Ölpreis bleibt nahe Mehrwochenhoch
Auch am Markt bleibt die Nervosität sichtbar. Der Brent-Preis legt am Dienstag im frühen Handel leicht auf 104,99 US-Dollar zu. Damit blieb die Nordseesorte zwar unter dem am Montagmorgen erreichten Hoch von 105,99 US-Dollar, hielt sich aber weiter auf erhöhtem Niveau.
In der Nacht auf Dienstag gab es keine neuen marktbewegenden Nachrichten zur Lage im Iran-Krieg. Dennoch bleibt die geopolitische Lage dpa-AFX zufolge angespannt, zumal US-Präsident Donald Trump den Ton gegenüber Teheran erneut verschärfte. Für den Ölmarkt bedeutet das: Solange es keine klare Entspannung rund um die Straße von Hormus gibt, dürften Risikoaufschläge im Preis bleiben.
Was bedeutet die Prognose des Aramco-CEOs für Anleger?
Für Anleger ist die neue Aramco-Prognose mehr als eine weitere Warnung. Sie verändert vor allem den Zeithorizont des Risikos. Bisher wurde der Ölpreisschock vielfach als kurzfristige geopolitische Eskalation gehandelt. Sollte sich die Normalisierung tatsächlich bis 2027 ziehen, müssten Investoren jedoch mit länger anhaltenden Zweitrundeneffekten rechnen: höhere Transportkosten, steigende Kerosinpreise, Druck auf Chemie- und Industrieunternehmen sowie neue Inflationssorgen.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.at
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| Ölpreis (WTI) | 102,38 | 4,31 | 4,39 |